Korsika 2010 – 5. Etappe

Die Inselüberquerung auf dem Mare a Mare Sud


Die Nacht verlief ruhig und wir wachen gut ausgeruht und in Vorfreude auf den kommenden Tag auf. Den wir, wie soll es auch anders sein, mit Cappuccino und Müsli starten. Durch das Gras und die kühle Nacht hat sich wieder einiges an Kondenswasser am Aussenzelt gebildet. Wir trocknen das Aussenzelt grob mit einem Lappen ab und warten noch ein wenig bis die Sonne über die Berge kommt um das Zelt restlos zu trocknen. Als daraufhin alles zusammengepackt ist laufen wir los.

Wir freuen uns am morgen mittlerweile schon richtig darauf endlich wieder laufen zu können. Das kann wirklich süchtig machen. Man weiss nie was einen erwartet, hinter jeder Ecke ergeben sich sich neue, schöne Ausblicke, die Landschaft ändert sich, man entdeckt kleine Dörfer, trifft auf kleine und große Tiere. Mal ist man von von blühenden Wiesen umgeben, mal ist man mitten in einem Wald. Es macht einfach Spass.

Und auch diese heutige, letzte Etappe sollte all das noch für uns bereithalten.

Wir nehmen den gestrigen Weg wieder auf und folgen ihm talwärts in Richtung Rizzanese. Schon bald erreichen wir einen Wald mit Korkeichen. Ein angenehmer Schattenspender an diesem sonnigen Vormittag. Der Wald erstreckt sich bis an das Ufer des Rizzanese. Der Weg schlängelt sich nun entlang des Ufers in südlicher Richtung, bis wir schliesslich die Pont de Piombatu erreichen. Hier überqueren wir erneut den Rizzanese, der auf seinem Weg bis hierhin zu einem reissenden Fluss geworden ist.

Der Weg ändert nun seine Orientierung in Richtung Norden und führt uns bergauf, an Wiesen und Weiden vorbei auf das Dorf Loreto di Tallano zu. Da es auf diesem Wegstück nur wenig schattenspendende Bäume gibt kommen wir gut ins Schwitzen und unsere Wasservorräte leeren sich schnell. Auf 260 m Höhe stossen wir auf die D69. Der Mare a Mare überquert die Strasse und verläuft anschliessend in südwestlicher Richtung. Bevor wir diesem Weg aber folgen machen wir einen kleinen Abstecher in das 200 m entfernte Dorf Loreto di Talano, in der Hoffnung dort unsere Wasservorräte auffüllen zu können. Würden wir dem Mare a Mare direkt folgen, so wären unsere Wasservorräte an diesem sehr warmen Tag sicherlich nicht ausreichend, um das nächste Dorf in etwa 3 Stunden Entfernung zu erreichen. In Loreto di Talano angekommen entdecken wir an der Hauptstrasse schnell den ersehnten Brunnen, füllen wir unsere Vorräte auf und nutzen das Wasser noch für eine kleine Abkühlung. Nach einer kleinen Stärkung durch etwas Schokolade laufen wir die Strasse zurück bis wir wieder auf den Mare a Mare treffen, der links von der Strasse abzweigt.

Es erwartet uns ein steiler und anstrengender Aufstieg zur Punta d‘Avja Vecchia auf 670 m Höhe. Zunächst noch durch Bäume geschützt führt der Weg bald darauf durch grüne Bergwiesen aus Farn. Mit jedem gewonnenen Höhenmeter wird der Blick zurück immer schöner. Auf etwa 600 m Höhe wird der Farn schliesslich durch die wunderbar duftende korsische Macchia abgelöst, die nun für die kommenden Stunden unser Begleiter sein sollte. Die Anstrengungen des Aufstiegs haben sich mehr als gelohnt. Der Weg führt nun nur noch sanft bergauf. Die niedrige Macchia lässt faszinierende Blicke auf die umliegenden Berge zu, vom Duft der Kräuter und vom Sonnenschein ganz zu schweigen. Einfach perfekt. Wir folgen diesem wunderbaren Weg eine ganze Weile, bis wir schliesslich an eine wunderbare Stelle für eine Rast kommen. Inmitten der niedrigwüchsigen Macchia steht plötzlich ein einzelner Baum auf einer Wiese. Der Baum ist ein hervorragender Schattenspender und die Aussicht an diesem Platz ist fantastisch. Wir packen den Trangia aus und beginnen im Schatten des Baumes zu kochen. Selten haben Nudeln so gut geschmeckt. Nachdem wir gegessen und noch eine Weile die Aussicht genossen haben, packen wir wieder zusammen. Das war bis jetzt sicherlich der schönste Rastplatz unserer Tour. Wenn es nicht noch so weit bis zum Etappenort gewesen wäre, dann hätten wir hier gerne die Nacht verbracht. Doch wir wollen heute zumindest noch einen Blick auf die Westküste werfen, die sich irgendwo hinter den nächsten Hügeln versteckt.

Der Weg führt nun leicht bergab immer weiter durch die Macchia. Zunächst laufen wir noch in südwestlicher Richtung, bald jedoch macht der Weg einen Bogen und führt uns in nördlicher Richtung auf das Dorf Fozzano zu. Gespannt erwarten wir den ersten Blick auf die Westküste. Wir laufen rechts an einer ausgedehnten Wiese vorbei, als schliesslich hinter einer kleinen Kuppe ein silbriges Glitzern in der Nachmittagssonne erscheint, da ist es, das Meer. Ein toller Moment. Gut gelaunt laufen wir weiter in Richtung Fozzano, geniessen den Duft der Blumen am Wegesrand und die tollen Ausblicke. Bis plötzlich, wie aus dem Nichts, ein streunender Hund vor uns auf dem Wege steht. Er entpuppt sich allerdings als harmlos und ist fortan unser Begleiter.

Auf 400 m Höhe erreichen wir schliesslich Fozzano, einen kleinen Ort mit 150 Einwohnern. Im Ort selbst halten wir uns zunächst links, bis wir auf die Hauptstrasse treffen und verlassen Fozzano anschließend in nördlicher Richtung. Unserem streunenden Begleiter scheint langsam die Lust zu vergehen uns zu begleiten und so geht er wieder seinen eigenen Weg. Wir laufen eine Weile, bis wir ein immer lauter werdendes Geräusch wahrnehmen. Hinter einer Kurve stürmen plötzlich hunderte von Schafen an uns vorbei, natürlich nicht ohne genug Sicherheitsabstand zu uns zu halten. Was für ein Trubel. Nachdem die Tiere an uns vorbeigezogen sind, laufen wir weiter und erreichen bald einen kleinen Ortsteil von Fozzano, Figaniella. Hier endet die asphaltierte Strasse und der Mare a Mare führt uns nun auf einem schmalen, steinigen Weg bis zum Zielort nach Burgo. Diese letzte Stunde hat es aber noch einmal in sich. Es geht bis auf 88 m hinab in das Tal des Riv Baraci. Der Weg ist steil und windet sich in Serpentinen. Im Tal angekommen führt uns der Weg zunächst durch meterhohen Farn und nach der Überquerung des Flusses wieder hinauf nach Burgo. Auch wenn es nur noch 200 Höhenmeter bis nach Burgo sind, so steigt der Weg allerdings steil an und wir kommen noch einmal gut ins Schwitzen. Doch bald haben wir es geschafft. Einige Meter ausserhalb von Burgo erreichen wir eine Strasse und schon kurz darauf stehen wir im Etappenort. Wir haben das Ziel des Mare a Mare – Süd erreicht.

Im Ort gibt es leider nicht viel sehenswertes, lediglich ein paar Häuser und eine Gite d‘Etape. Wir machen eine Pause von den Strapazen der letzten Stunde und ruhen uns auf einer kleiner Mauer am Strassenrand aus. Wir sind überglücklich unser Ziel erreicht zu haben, doch irgendwie fühlen wir uns auch seltsam leer. Das Laufen hat uns im Laufe der Zeit immer mehr Spass gemacht und nun sind wir am Ziel. „Was machen wir jetzt?“ fragen wir uns. Wir müssen auf jeden Fall weiter, das steht fest. Da die Sonne aber bald untergeht, steht auch fest, das wir nicht mehr weit kommen werden, aber um ein schönen Platz zu Übernachten zu finden sollte es reichen. Bevor es weiter geht, müssen unsere Wasservorräte aufgefüllt werden. Einen Brunnen scheint es in Burgo nicht zu geben, aber als wir durch den Ort gelaufen sind, haben wir einige Einheimische vor ihren Häusern gesehen. Anja schnappt sich unsere Trinksäcke und probiert bei ihnen etwas Wasser zu bekommen, während ich bei unseren Rucksäcken bleiben. Dank der Hilfsbereitschaft der Korsen ist dies auch kein Problem und so kann es mit vollen Wasservorräten weiter gehen.

Wir beschliessen der D557 in Richtung Propriano zu folgen und auf dem Weg Ausschau nach einem Platz für unser Zelt zu halten. Nach den ersten Kilometern wird uns aber klar, dass das schwierig werden wird. Am gesamten Weg befindet sich nur eingezäunter Privatbesitz. Wenn wir bis nach Propriano weiter laufen, kommen wir erst nach Einbruch der Dunkelheit dort an. Wir probieren also nach Propriano zu trampen. Schon der erste Wagen der kurze Zeit später vorbeifährt nimmt uns mit. Mit dem Auto ist der Weg schnell zurückgelegt und wir stehen schon 10 Minuten später mitten in der Touristenhochburg Propriano. Was für ein Trubel im Vergleich zu den letzten Tagen, überall Restaurants, Geschäfte, alles voller Menschen. Kaum angekommen wollen wir auch schon wieder weg.

Ich schaue auf das GPS und lotse uns in südwestlicher Richtung hinaus aus der Stadt. Die Sonne ist mittlerweile schon untergegangen und wir müssen uns beeilen einen Schlafplatz zu finden. Wir verlassen schliesslich die Stadt und blicken die Küste entlang. In etwa einem Kilometer Entfernung reihen sich ein paar kleine, von großen Felsbrocken getrennte Strandabschnitte aneinander. Wir beschliessen dorthin zu laufen. Als wir schliesslich dort ankommen müssen wir feststellen, dass das erste Strandstück gerade einmal drei bis vier Meter breit ist. Wenn wir hier unser Zelt aufstellen, steht es höchstens zwei Meter vom Meer entfernt, im Hinblick auf Ebbe und Flut eher kritisch. Ich lege meinen Rucksack ab und erkunde den weiteren Küstenabschnitt. Endlich, nach dem überwinden von etlichen Felsen, finde ich eine kleinen Strand, der etwas breiter ist und vor allen Dingen auch etwas steiler ansteigt. Ich eile zurück und gebe Anja bescheid. Endlich am Lagerplatz angekommen, ist es mittlerweile nahezu stockdunkel. Wir setzen unsere Stirnlampen auf und begradigen einen Teil des Strandes, an dem wir unser Zelt aufstellen wollen. Der Zeltaufbau ist dank unserer Routine und der Stirnlampen auch im Dunkeln schnell und problemlos zu meistern.

Wir lassen den Tag noch mit einem leckeren Essen ausklingen und verkriechen uns auch bald in die Schlafsäcke. Das rhythmische Geräusch der Wellen wiegt uns sanft in den Schlaf.

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