Kreuzspitze

Nach einer ruhigen Nacht erwartet uns der nächste Morgen entgegen aller Vorhersagen mit strahlendem Sonnenschein. Einfach traumhaft. Wir starten den Tag mit einem großzügigen Frühstück und beginnen daraufhin die Zelte abzubauen.

Ziel für den heutigen Tag ist die Kreuzspitze, also erstmal die Rucksäcke geschultert und zurück zum Auto. Wir fahren den Weg zurück nach Vent und machen uns auf die Suche nach einem Parkplatz für die nächsten Tage. Nachdem wir nach einigem hin und her endlich einen kostenfreien Parkplatz finden, brechen wir auf. Der Ort ist schnell verlassen und wir erreichen den Weg durch das Niedertal zur Martin-Busch-Hütte. Der Weg verläuft relativ flach durch das schöne, aber nicht sehr spektakuläre Tal.

Bis zur Hütte sind 600 Höhenmeter zu überwinden. Das Wetter hat sich mittlerweile verschlechtert. Es sind viele dichte Wolken aufgezogen, aber die Temperaturen sind noch angenehm. An der Hütte angekommen legen wir eine kleine Pause ein und geniessen von der Terrasse der Hütte den Blick auf die umliegenden Berge. Das Abschmelzen der Gletscher ist auch hier allgegenwärtig. Man kann sich sehr gut vorstellen wie mächtig die Gletscher hier einst gewesen sein müssen, viel ist nicht mehr übrig geblieben.

An der Martin-Busch-Hütte teilt sich nun der Weg.  Ein Weg führt von hier über den Marzellkamm und den Niederjochferner zum Gipfel des Similaun, ein anderer Weg führt weiter zur Similaumhütte. Unser Weg aber führt nun in nordöstlicher Richtung serpentinenartig den Hang hinauf. Wir wollen bis zum Samoarsee auf 2920 m aufsteigen, dort die Zelte aufbauen und weiter zum Gipfel laufen. Das Wetter verschlechtert sich jedoch deutlich und als wir den See schliesslich erreichen, stehen wir im Regen. Wir bauen die Zelte schnell auf und beschliessen in den Zelten erst einmal abzuwarten wie das Wetter sich entwickelt. Es ist etwa 17 Uhr als wir uns in die Zelte zurück ziehen und sie für die nächsten 16 Stunden nicht mehr verlassen sollten.

Was zunächst als mäßig starker Regen begann, entwickelt sich nach und nach zu einem Wolkenbruch. Dicke Tropfen prasseln auf die Zelte nieder. Es hat nicht den Anschein als würde das Wetter bald besser werden. Stattdessen beginnt es bereits langsam zu dämmern als Anja und ich plötzlich dumpfe Schläge hören. Ich öffne das Vorzelt einen Spalt breit und schaue hinaus. Martin, der sein Zelt etwa 10 Meter neben uns aufgebaut hat, steht barfuß mit seinem Eispickel in der Hand im strömenden Regen in einer tiefen Pfütze. Und mit ihm sein Zelt. Im Gegensatz zu ihm haben wir unser Zelt auf einer kleinen Kuppe aufgestellt, bei uns fliesst das Wasser ab, bei ihm sammelt es sich. Mit dem Eispickel schafft er es schliesslich einen kleinen Graben mit einem Abfluss um das Zelt zu schlagen. Das Wasser läuft ab.

Es ist mittlerweile dunkel und wir gerade kurz vor dem Einschlafen, als urplötzlich wie aus dem Nichts eine mächtige Sturmböe seitlich gegen das Zelt schlägt und es zu Boden drückt. Anja und ich schrecken auf. Was war das? Wird es jetzt auch noch stürmisch? Und tatsächlich, es bleibt nicht bei dieser einen Böe. Im Sekundentakt schlagen weitere Böen gegen das Zelt, drücken es teilweise komplett zu Boden. Einige Böen sind tatsächlich so stark, dass ich mit meiner Isomatte auf einer Seite vom Boden angehoben werde. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Die nächsten Stunden sind wir damit beschäftigt bei jeder größeren Böe das Zelt sicherheitshalber von innen mit den Händen etwas abzustützen. Was soll ich sagen, wir haben einfach nur Angst, sind aber froh, dass es wenigstens kein Gewitter ist.

Aber auch das sollte sich noch ändern. Wir sind mittlerweile schon völlig fertig, als die ersten Blitze um uns herum einschlagen. “Verdammt”, denken wir uns, jetzt wird’s richtig gefährlich. Wir sitzen auf 2900 m in unserem kleinen Zelt in einem ausgewachsenen Gewitter. Weit und breit keine Schutzmöglichkeit. Wir kauern uns zusammen und hoffen. Wir zählen die Zeit zwischen Donner und Blitz in der Hoffnung eine Bestätigung zu finden, das das Gewitter bald weiter zieht. Blitz!…1…2…3…Donner! 1 Kilometer! Immer wieder zählen wir, doch es tut sich kaum etwas. Uns bleibt nichts als abzuwarten, das Zelt gegen die Sturmböen etwas abzustützen und zu hoffen, dass nichts passiert.

So vergeht die ganze Nacht. Gegen 6 Uhr morgens, als es bereits beginnt heller zu werden, schwächen sich die Böen langsam ab und auch das Gewitter ist mittlerweile weiter gezogen. Wir sind völlig fertig und schlafen endlich ein.

Incoming search terms for the article:

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>