Mit dem Rad durch Marokko – 1. Etappe

2 Uhr morgens. Der Wecker klingelt. Endlich ist es soweit, heute geht’s nach Marokko. Also nichts wie raus aus den Betten. Eine schnelle Dusche und ein kleines Frühstück, die Fahrräder an den Smart gehängt und schon kann es los gehen. Die Fahrt  nach Hahn gestaltet sich jedoch äusserst mühsam. Mit dem vollbepackten Smart schaffen wir es kaum die 80 km/h-Marke zu knacken und so erreichen wir gerade einmal eineinhalb Stunden vor Abflug den Flughafen. Wir fahren direkt bis zum Terminalgebäude vor und laden aus. Während Anja das Auto auf dem kilometerweit entfernten Parkplatz abstellt, bringe ich unser Gepäck und die Fahrräder ins Terminal. Vollbepackt mit unseren Taschen schieben wir eilig die Fahrräder zum Check-In-Schalter am anderen Ende des Terminals, nur um dort mitgeteilt zu bekommen, dass dieser Schalter gerade schliesst und der Check-In an einem anderen Schalter, am anderen Ende des Terminals weitergeführt wird. Also den ganzen Weg wieder zurück…was für eine tolle Organisation, aber bei  diesen Flugpreisen kann man eigentlich nicht meckern. Schliesslich bringen wir den Check-In noch rechtzeitig eine halbe Stunde vor Abflug zu Ende. Jetzt schnell die Fahrräder an die Speergepäckabgabe bringen, noch durch die Sicherheitskontrolle und eh wir uns versehen sitzen wir im Flieger nach Agadir. Selten haben wir so einen stressigen Reisebeginn erlebt. Da wir so ziemlich die letzten sind, die an Bord gehen gibt es keinen gemeinsamen Sitzplatz mehr für uns. Ich finde einen Platz neben zwei Hobby-Ornithologen und darf mir in den nächsten 4 Stunden zahllose Geschichten über das Brut- und Zugverhalten des Wüstensperlings und unzähligen anderen Vögeln anhören.

Pünktlich um 10 Uhr Ortszeit landen wir in Agadir. Die Sonne scheint, die Temperaturen mild. Die nächste knappe Stunde verbringen wir wartend in der Schlange an der Passkontrolle. Die hochmotivierten marokkanischen Zollbeamten haben es heute morgen wohl nicht so eilig. Von weitem sehen wir unser Gepäck schon seine Runden auf dem Gepäckband drehen, von den Fahrrädern noch keine Spur. Nach etwas suchen finden wir die Speergepäckausgabe. Unsere Räder stehen noch draussen auf dem Transportwagen. Ein Flughafenarbeiter hebt mein Rad von Wagen, bleibt damit an Anja’s Rad hängen und reisst ihr Rad mit, welches mit voller Wucht auf den Boden knallt. “Das geht ja gut los”, denke ich mir. Der Mitarbeiter entschuldigt sich mehrfach bei uns und so wie es auf den ersten Blick aussieht, ist auch nichts weiter passiert. In einer ruhigen Ecke der Ankunftshalle schrauben wir unsere Fahrräder zusammen und machen uns startklar.

Mit bester Laune und bei schönstem Sonnenschein schieben wir unsere Fahrräder aus dem Flughafen und fahren los. An einer Tankstelle in unmittelbarer Umgebung des Flughafens decken wir uns mit ausreichend Wasser und Benzin für den Kocher ein. Wir folgen zunächst für einige Kilometer der N10 in Richtung Osten. Schnell fällt uns die Freundlichkeit der Marokkaner auf. Nahezu jedes Auto fährt hupend an uns vorbei, die Fahrer winken uns zu. Die Leute am Strassenrad grüßen uns alle freundlich, rufen uns “Bonjour” zu und feuern uns teilweise sogar an. Wir sind begeistert von der Herzlichkeit der Menschen und fühlen uns auf Anhieb wohl. Wir verlassen die N10 und biegen auf eine Nebenstrasse in Richtung Biougra ab. Der Asphalt wird schlagartig schlechter, aber auch der Verkehr nimmt ebenso schlagartig ab. Wir kommen gut voran bis Anja’s Schaltung plötzlich beginnt Ärger zu machen. Die Schaltung hat beim Sturz des Rades wohl doch etwas abbekommen, aber mit ein paar Handgriffen ist die Schaltung wieder eingestellt und es geht weiter. Die Landschaft ist hier noch flach und überwiegend von Gewächshäusern geprägt. In der Ferne aber sehen wir bereits die ersten Ausläufer des Anti-Atlas, die wir heute noch erreichen werden. Doch nach etwa 20 km erreichen wir zunächst das Städtchen Biougra. Zeit für einen ersten Einblick in die marokkanische Teekultur. An einem Strassencafé machen wir Halt und bestellen ein Kännchen Tee. Zum Tee gibt es 2 riesige Stücke Zucker, grob geschätzt etwa vergleichbar mit 12 Stück des uns bekannten Würfelzuckers. Wir sind etwas ratlos: “Das soll alles in dieses kleine Kännchen?” Na ja, was soll’s. Rein damit. Und in der Tat, der Tee schmeckt köstlich und macht Lust auf mehr.

Wir fahren weiter. In Biougra biegen wir links in Richtung Ait-Baha ab. Die Landschaft wird zusehends interessanter, die Berge nähern sich. Unterwegs treffen wir noch 2 Holländer, die ebenfalls mit dem Rad unterwegs sind und fahren eine Weile gemeinsam. Als wir Imi-Mqourn, ein kleines Dorf direkt vor den Bergen, erreichen, beschliessen wir zusammen noch eine Teepause einzulegen. Und auch hier wieder 2 riesige Stücke Zucker, die wir direkt in das Kännchen verfrachten. Wir unterhalten uns noch etwas mit den beiden Holländern und stellen fest, dass wir eine ähnliche Route geplant haben. Vielleicht treffen wir uns ja noch mal wieder. Die beiden verabschieden sich schliesslich. Wir bleiben noch ein wenig und geniessen die entspannte Atmosphäre. Mit ausreichend Zucker im Blut können die Berge nun kommen. Direkt hinter dem Dorf eröffnet sich uns eine wunderschöne Gebirgslandschaft und auch die ersten Anstiege lassen nicht lange auf sich warten. Auch wenn wir zu Hause bereits ordentlich für die Tour trainiert haben, so haben es die Anstiege in sich. Aber wir haben es ja nicht eilig und lassen uns daher Zeit. Und wenn hin und wieder doch mal ein Auto vorbeikommt, spornen uns die Anfeuerungsrufe weiter an.

Nach und nach gewinnen wir an Höhe, doch allzu weit wollen wir heute gar nicht mehr kommen. Eine Piste führt schliesslich rechts von der Strasse ab. Wir folgen dieser zunächst ein kleines Stück, dann noch etwas quer durch die Landschaft und schon haben wir einen Platz für unser Zelt gefunden. Hier sollten wir ungestört sein, doch gerade als wir unser Zelt aufbauen wollen sehen wir einen älteren Mann auf uns zu kommen. Oh je, ob das Ärger gibt? Doch weit gefehlt. Der Mann ist äusserst freundlich und begrüßt uns herzlich. Das wir hier Zelten stört ihn nicht im geringsten. Er macht Gesten, dass wir ihm folgen sollen. Wir sind etwas verwirrt, aber wir folgen ihm. Als er plötzlich ein paar Steine von Boden aufhebt und versucht diese unter lauten Rufen auf den gegenüberliegenden Hang zu werfen ist die Verwirrung komplett. Doch nach einiger Zeit entdecken wir des Rätsels Lösung. Auf dem anderen Hang läuft ein Wildschwein entlang, dass uns der Mann, warum auch immer, ganz offensichtlich zeigen wollten. Als der Mann schliesslich merkt, dass wir ihn verstanden haben, zeigt er sich merklich zufrieden und verabschiedet sich schliesslich von uns. Ein interessantes Erlebnis, doch der Magen knurrt und das Zelt ist auch noch nicht aufgebaut.

Pünktlich zum Sonnenuntergang schmeissen wir endlich den Kocher an und freuen uns auf das Abendessen. Kaum ist die Sonne verschwunden kühlen die Temperaturen spürbar ab und wir verkriechen uns ins Zelt.

  • Tageskilometer: 42km
  • Durchschnittsgeschwindigkeit: 15 km/h
  • Anstieg gesamt: 500m
  • Fahrzeit: 2h 48min
  • Übernachtung auf 500m
  • Tiefsttemperatur: 4 °C

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