Mit dem Rad durch Marokko – 3. Etappe

Um 6:45 Uhr wachen wir pünktlich zum Gesang des Muezzin auf. Unsere Vorgabe eine Stunde vor Sonnenaufgang aufzustehen konnten wir zwar nicht einhalten, aber wir werden besser. Ein erster Blick aus dem Zelt auf die noch dunkel vor uns liegende Bergwelt offenbart dicke Wolken und leichten Nieselregen. Um aus dem Zelt zu kommen ist es sowieso noch zu kalt, also nutzen wir die verbleibende Zeit bis zum Sonnenaufgang, um alles was nicht mehr benötigt wird zusammenzupacken. Wir rollen die Isomatten zusammen, packen die Schlafsäcke, ziehen uns um und machen uns startklar. Als es draussen langsam heller wird kommen wir aus dem Zelt. Die dichte Bewölkung ist mittlerweile in Ansätzen einem blauen Himmel gewichen, der Nieselregen hat aufgehört. Bevor es wieder auf die Fahrräder geht noch Müsli und Kaffe zum Frühstück, zähneputzen und waschen. Das Zelt einpacken, Taschen und Fahrräder zurück auf die Strasse tragen und es kann weiter gehen. Insgesamt hat das Packen heute morgen schon deutlich reibungsloser geklappt als noch am ersten Morgen.

So wie es gestern aufgehört hat, so geht es heute prompt weiter. Die Strasse, eingerahmt von schroffen roten Felsen, windet sich in langen Serpentinen immer weiter die Berge hinauf. Im Gegensatz zu gestern kommen wir heute besser voran, zwar immer noch nicht besonders schnell, aber zumindest besser. Mit jeder Minute klart der Himmel weiter auf, es entwickelt sich perfektes Fahrradwetter. Sonnig, aber aufgrund der Höhe noch angenehm mild. Die Landschaft ist wunderschön und bietet fantastische Ausblicke über die Täler und vereinzelte, kleine Dörfer. Wir lassen die Serpentinen langsam hinter uns und genießen die ersten rasanten Abfahrten. Doch die Freude weilt nicht lange, wo es bergab geht, da geht es auch kurz darauf wieder bergauf. Wir sind nahezu völlig alleine auf der Strasse unterwegs. Von Autos heute noch keine Spur, nur hin und wieder kommen uns Menschen mit vollbepackten Eseln entgegen, die uns alle äusserst freundlich grüßen und uns zu winken. Das ständige Auf und Ab lässt unsere Wasservorräte schnell schwinden. Eine Quelle am Strassenrand kommt uns daher sehr gelegen und wir machen kurz Pause und füllen unsere Flaschen. Die Landschaft wird nun nach und nach immer kahler, anstelle der vereinzelten Bäume treten nun immer häufiger Kakteen, die in ihrer Wuchsform stark an Korallen erinnern.

Noch ein steiler Anstieg und wir kommen schliesslich wieder auf die “Hauptstrasse”, die wir gestern bei Ait-Baha verlassen haben. Mit eineinhalb Spuren, nicht gerade dass, was man sich unter einer Hauptstrasse vorstellt, aber der Verkehr nimmt mit etwa 3-4 Autos pro Stunde doch etwas zu. Die Strecke bleibt nun zunächst eher flach. An einer langgezogenen Kurve tut sich plötzlich ein eindrucksvolles Panorama vor uns auf: Ein weites Tal eingerahmt von Bergen und in der Mitte, auf einem Felsen thronend eine alte Speicherburg.

Die Temperaturen erreichen am fühen Nachmittag ihren Tageshöchststand. Eigentlich Zeit für eine längere Pause und so folgen wir der Strasse und halten Ausschau nach einem Restaurant. Heute wollen wir endlich mal eine Tajine probieren. Ein Schild am Strassenrand mit einem Tajinetopf macht uns schliesslich Hoffnung und tatsächlich, das dazugehörige Restaurant lässt nicht lange auf sich warten. Für Tajine sei es aber leider noch zu früh, sagt man uns. Wir weichen stattdessen auf Fleischspieße mit Minzsosse und Salat aus. Eine äusserst köstliche Entscheidung.

Nach einer ausgiebigen Verdauungspause satteln wir die Räder und machen uns bei immer noch recht hohen Temperaturen wieder auf den Weg. Jedoch nicht ohne noch an einem Lädchen auf der gegenüberliegenden Strassenseite unsere Wasservorräte aufzufüllen. Eine gute Entscheidung. Es geht fortan immer leicht bergauf und die Sonne knallt. Nach nicht mal 2 km hat jeder schon einen Liter Wasser getrunken. Es folgt noch ein letzter steilerer Anstieg, der uns einen schönen Ausblick auf die zurückgelegte Strecke beschert. Die darauffolgende Abfahrt führt uns zunächst durch ein kleines Dorf und anschliessend in ein dicht mit blühenden Mandelbäumen bewachsenes Tal. Schnell steht fest, hier suchen wir uns ein Plätzchen für die Nacht. Inmitten der Mandelbäume, am Rande eines ausgetrockneten Flussbetts finden wir einen schönen Platz und bauen in der Abendsonne unser Zelt auf. Gerade als das Zelt steht, taucht wie aus dem Nichts eine alte Frau auf. Sie begrüsst uns freundlich, kramt etwas unter ihrem Umhang hervor und drückt uns ein großes Büschel frisch gesammelten Thymian in die Hand. Sie empfiehlt uns daraus einen Tee zu kochen und verabschiedet sich wieder.

Während Anja uns einen Tee kocht schraube ich noch etwas an meiner Gangschaltung, die heute immer wieder Probleme gemacht hat. Wir kochen noch eine große Portion Schokopuddig, spielen Karten und geniessen den angenehm milden Abend. Der Mond scheint und macht die Nacht zum Tag.

  • Tageskilometer: 45km
  • Durchschnittsgeschwindigkeit: 12 km/h
  • Anstieg gesamt: 1340m
  • Fahrzeit: 3 h 40 min
  • Übernachtung auf 1380m
  • Tiefsttemperatur: 2 °C

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