Mit dem Rad durch Marokko – 4. Etappe

Noch bevor der Wecker klingelt werden wir durch den Gesang des Muezzin geweckt. Im Halbschlaf liegen wir im Zelt und lauschen den wunderbaren Klängen, die sich mindestens über eine Viertelstunde hinziehen. Langsam öffnen wir die Augen und sind uns einig, dass war wirklich beeindruckend. Immer noch völlig fasziniert werfe ich um 6:20 einen ersten Blick aus dem Zelt und ich sehe…nichts! Das Tal steckt in dichtem Nebel, das Aussenzelt ist klitschnass. Aber alles halb so wild, wenn die Sonne erstmal aufgegangen ist, wird der Nebel sich mit Sicherheit schnell verziehen, spekulieren wir. Bei unserer morgendlichen Packprozedur sitzt mittlerweile jeder Handgriff und so ist alles, was nicht mehr benötigt wird schnell in den Taschen verstaut. Als wir aus dem Zelt kommen, hat sich der Nebel bereits etwas gelichtet. Wir starten den Tag mit Kaffee und vielen, vielen Pfannkuchen. Nach einer Weile schafft es die Sonne schliesslich über die im Osten liegenden Berge und taucht die Gipfel der Berge auf der anderen Seite des Tals in ein warmes Rot. Ich liebe diese Momente! Wir warten ein wenig bis die Sonne das noch feuchte Zelt trocknet und machen uns bei bester Laune auf den Weg.

Heute morgen steht zunächst gemütliches einfahren auf dem Programm. Auf flacher Strecke geht es weiter durch das mit Mandelbäumen bewachsene Tal. Am Ende des Tals der obligatorische, steile Anstieg. Wir folgen der Strasse fortan in einem stetigen Wechsel aus Anstiegen und Abfahrten. Die Anstiege sind mittlerweile weniger anspruchsvoll als noch an den ersten Tagen, aber durch das ständige Auf und Ab kommt einiges an Höhenmetern zusammen. Waren zunächst noch ganze Hänge mit Mandelbäumen bewachsen, so werden diese immer weniger und die Landschaft immer karger. Die Aussicht auf den Bergkuppen ist großartig. Teilweise schweift der Blick in die Ferne bis zu den noch schneebedeckten Gipfeln des Hohen Atlas. Wir erreichen schliesslich die Kreuzung nach Igherm und biegen links ab.

Immer entlang eines ausgetrockneten Flussbeets windet sich die Strasse durch die Berge. Die in der Sonne orange leuchtenden Hänge sind kahl,  nur teilweise mit Kakteen bewachsen. Entlang des Flussbeets stehen einige weiß blühende Mandelbäume. Eine fantastische Szenerie. Nach einer Weile erreichen wir das kleine Dorf Ait-Abdallah. Ein Café  am Strassenrand lädt zu einer süssen Teepause ein. Wir kaufen noch Wasser und fahren schliesslich weiter. An einem steilen Anstieg fahren wir an zwei am Strassenrand spielenden Jungen vorbei. Da Anja wohl ziemlich angestrengt aussah, kommen sie plötzlich angerannt und schieben sie mit voller Begeisterung ein gutes Stück den Berg hoch. So ein Einsatz muss belohnt werden. Die zwei bekommen von uns einen “Stylo” geschenkt, die wir extra für solche Situationen mitgenommen hatten. Die Freude ist groß und die beiden rennen uns noch eine ganze Weile hinterher.

Am frühen Nachmittag nimmt der Wind, der heute schon den ganzen Tag über präsent war, merklich zu. Und natürlich kommt er meist von vorne. Als die Temperaturen am Nachmittag wieder ihren Höhepunkt erreichen und wir etwas Schatten vertragen können machen wir eine Mittagspause unter zwei herrlich duftenden Mandelbäumen. Wir essen eine große Portion Couscous und ruhen uns noch etwas im Schatten aus. Als wir wieder aufbrechen frischt der Wind immer weiter auf. Die folgenden Kilometer kämpfen wir uns bei starkem Gegenwind immer weiter den Berg hinauf. Und selbst wenn es zwischendurch immer mal wieder kurze Abwärtspassagen gibt, so müssen wir weiter in die Pedale treten um vorwärts zu kommen. Auf 1800m Höhe erreichen wir schliesslich den höchsten Punkt unserer Tour. Die Aussicht ist großartig, der Wind unglaublich anstrengend.

Die nun folgende langgezogene Abfahrt können wir kaum geniessen. Immer wieder versucht uns der Wind von den Rädern zu wehen. Ein Gutes aber hat der Wind. Die rasant über unsere Köpfe ziehenden Wolken sorgen für ein fantastisches Spiel aus Licht und Schatten auf den umliegenden Bergen. Dennoch, der Wind zerrt an unseren Nerven und so beginnen wir langsam Ausschau nach einem Zeltplatz zu halten. Wir kämpfen uns noch über 2 Kuppen und entdecken endlich eine Piste die rechts von der Strasse in ein kleines Seitental abzweigt. Nach 1 km finden wir ein schönes Plätzchen unter einen Mandelbaum, leider nicht wie gehofft windgeschützt. Das Aufbauen des Zeltes wird bei diesem Wind zu einer wahren Geduldsprobe, aber irgendwann ist unsere Behausung sicher mit Heringen im Boden verankert und trotzt dem Wind. Als das Zelt steht kommt ein netter Mann auf einem Mofa vorbei gefahren. Er empfiehlt uns noch eine Ecke weiter zufahren, dort sein es wohl etwas windgeschützter. Aber jetzt ist es zu spät…das Zelt steht. Lange halten wir es nicht mehr draussen aus und so verziehen wir uns recht schnell in das schützende Zelt.

Die ganze Zeit über peitschen teilweise heftige Böen gegen das Zelt. Eine unruhige Nacht erwartet uns.

  • Tageskilometer: 52km
  • Durchschnittsgeschwindigkeit: 12 km/h
  • Anstieg gesamt: 1500m
  • Fahrzeit: 4 h 23 min
  • Übernachtung auf 1660m
  • Tiefsttemperatur: 2 °C

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