Mit dem Rad durch Marokko – 5. Etappe

Es war eine schrecklich unruhige Nacht. Der Wind wehte ohne unterlass und immer wieder kam auch noch laut prasselnder Regen dazu. Wir haben die Nacht über kaum geschlafen und fühlen uns, als wir am Morgen um 6:45 aus den Schlafsäcken kriechen dementsprechend erschlagen. Der Wind weht immer noch heftig und die Lust das Zelt zu verlassen hält sich dadurch stark in Grenzen. Noch im Zelt packen wir alles was nicht mehr benötigt wird zusammen. Dann nur noch ein Gedanke: Flucht vor dem Wind. Ohne Frühstück und ohne Morgenwäsche schwingen wir uns mit eiskalten Fingern direkt auf die Räder. Die gerade aufgegangene Sonne schafft es kaum uns zu wärmen, aber wir fahren weiter. Wir wollen nur raus aus diesem windigen Teil des Gebirges.

Es sind noch 30 km bis Igherm. Dort wollen wir zu Mittag essen. Doch zunächst kämpfen wir uns die Berge hoch und wieder runter, immer mit ordentlich Gegenwind. Plötzlich fällt mir auf, dass mein Telefon nicht mehr in meiner Hosentasche ist. “Mist, ich habe mein Telefon verloren”, denke ich mir. Es folgt ein kurzer Stopp und wir machen uns auf die Suche nach dem Telefon. Als wir die Suche schon fast aufgeben wollen, kommt Anja auf die Idee mal im Zelt nachzusehen. Und tatsächlich, bei dem morgendlichen Aufbruchsstress habe ich das Telefon im Zelt liegen gelassen. Auf den Schreck futtern wir erstmal einen Müsliriegel, dann geht es weiter den Berg hoch.

Der Müsliriegel bringt nicht viel, ausser mehr Lust auf Essen. Doch hier bei dem Wind etwas zu kochen, dazu fehlen uns jetzt die Nerven. Völlig ausgehungert erreichen wir mit knurrenden Mägen eine Kuppe. Vor uns im Tal liegt Igherm. Voller Vorfreude auf eine Tajine (hoffentlich klappt es heute) und einen süssen, süssen Tee fahren wir in die Stadt. An der Hauptstrasse gibt es einige Restaurants. Wir steuern eins der Restaurants an und bestellen Tajine und Tee. Schon nach dem ersten Bissen bessert sich unsere Laune schlagartig. Ein leerer Magen schlägt wirklich aus Gemüt. Die Tajine schmeckt ausgezeichnet und schon nach kurzer Zeit sitzen wir vor leeren Tellern. Wir bleiben noch eine Weile unter dem schattigen Vordach des Restaurants sitzen und trinken unseren Tee. Bevor es weiter geht, füllen wir noch unsere Wasservorräte auf und suchen eine Tankstelle, um uns wieder mit Brennstoff zu versorgen. Von Igherm aus geht es nun in südöstlicher Richtung nach Tata, eine kleine Stadt am Rande der Wüste. An großen Hunderudeln vorbei geht es raus aus der Stadt.

Die Landschaft wird nun immer grandioser. Unter einem stahlblauen Himmel fahren wir durch eine langgezogene Schlucht und immer wieder bewundern wir rechts und links der Strasse die bizarrsten Gebirgsformationen. Hier fällt uns zum ersten Mal auf, das wir immer öfter von Wohnwagen überholt werden. Teilweise fahren die Wohnwagen sogar in 10er Kolonnen an uns vorbei. Hinter dem Steuer fast ausschliesslich französische Rentner. Die warmem Wüstenregionen hier im Süden Marokkos scheinen ein “Geheimtipp” unter französischen Rentnern zu sein. Wir finden die Wohnwagen eher nervig, auch wenn sich alle stets sehr beeindruckt zeigen uns hier auf einem Fahrrad zu sehen. An der wunderbaren Landschaft ändert das jedoch nichts. Es gibt keine nennenswerten Berganstiege mehr, auch der Wind lässt jetzt etwas nach und so können wir die Landschaft mit allen Sinnen geniessen.

Immer wieder entdecken wir halb zerfallene Dörfer, die einst an den abenteuerlichsten Plätzen auf Bergkuppen errichtet wurden. Die Berge sind von faszinierenden Strukturen durchzogen und sehen aus wie gemalt. Ein letztes Mal geht es schliesslich in einem langgezogenen Anstieg einen Berg hinauf und wieder werden mit einem tollen Blick über die Landschaft und die zurückgelegte Strecke belohnt. Hier oben frischt der Wind plötzlich wieder auf. Wir fahren ein Stück am Hang entlang als eine Böe mir plötzlich meine Mütze vom Kopf reisst. Kurz vor dem Abgrund schafft Anja es noch sie zu retten.

Es folgt eine geniale Abfahrt über steile und enge Serpentinen. Schlagartig verlieren wir an Höhe. Innerhalb weniger Kilometer geht es durch die Felslandschaft von 1600 m auf 1200 m und immer wieder eröffnen sich faszinierende Blicke in die Tiefe. Unten angekommen erwartet uns eine wunderbar grüne Oase.

Wir folgen der Oase und geniessen die wärmenden Sonnenstrahlen. Viele Kinder sind auf der Strasse unterwegs. Sie rufen und winken uns zu. Als wir zwei Männer an Strassenrand überholen, rufen sie uns zu und einer der beiden fragt nach einer Luftpumpe für das platt neben ihm stehende Mofa. Wir helfen ihm aus. Er beginnt zu pumpen. Nur sehr langsam füllt sich sein Reifen, aber er ist beharrlich und pumpt immer weiter. Wir kommen ins Gespräch und der Mann, der hier neben der Strasse sein Haus bauen lässt, bietet uns an unser Zelt auf seiner Baustelle aufzuschlagen. Sehr nett, aber wir lehnende dankend ab. Durch den Beton kriegen wir unsere Heringe nicht in den Boden. Wir unterhalten uns noch ein Weile und unbemerkt sind wir plötzlich von einer ganzen Horde Kinder umlagert. Der Reifen ist mittlerweile wieder platt, das scheint den Mann nicht weiter zu stören. Aber so langsam müssen wir weiter und so verabschieden wir uns von ihm und den Kindern. Die Strasse folgt einem ausgetrockneten Flussbett. Rechts und Links der Strasse riesige Dattelpalmen und wunderschöne, schattige Oasengärten. Die Oasen bieten sich hervorragend als Nachtlager an und nach kurzer Suche finden wir ein einsames, windgeschütztes Plätzchen unter Palmen am Rande einer Oase. Wir bauen unser Zelt auf und geniessen beim Kochen die letzten Sonnenstrahlen des Tages.

Die Nacht ist sternenklar. Fast Vollmond. Kein Wind. Es ist herrlich still. Wir geniessen den Abend und laufen noch ein wenig durch die Nacht. Nie hätten wir nach diesem Morgen gedacht, das der Tag so toll endet.

  • Tageskilometer: 66km
  • Durchschnittsgeschwindigkeit: 13,6 km/h
  • Anstieg gesamt: 1530m
  • Fahrzeit: 4 h 52 min
  • Übernachtung auf 1030
  • Tiefsttemperatur: 4 °C

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