GR 20 – 1. Etappe

Col de Bavella – Monte Incudine

Es ist 5 Uhr morgens. Der Wecker klingelt.

Nach einigem hin und her wälzen stehen wir schliesslich um 5:40 Uhr auf. 5:00 Uhr war uns heute doch etwas zu früh. Aber auch zu dieser noch sehr frühen Stunde ist der Campingplatz wie ausgestorben. Völlig ungestört packen wir unsere Sachen zusammen und nutzen ein letztes Mal die sanitären Annehmlichkeiten eines Campingplatzes. Das Frühstück lassen wir erst einmal ausfallen und laufen stattdessen gleich zur Strasse. Doch, wie auf dem Campingplatz, tut sich auch hier zu dieser Uhrzeit noch nicht allzu viel. Anstatt uns die Beine in den Bauch zu stehen laufen wir die Strasse entlang. Der zu diesem Zeitpunkt noch bedeckte Himmel beginnt langsam aufzureissen und lässt die ersten Sonnenstrahlen des Tages zu den umliegenden Bergen durchdringen. Die ohnehin schon roten Felsen leuchten förmlich in der Morgensonne.

Hinter einer Kurve hören wir plötzlich das Klappern eines Motors. Ein Auto, zwei Daumen und tatsächlich, es hält an. Hinter dem Steuer ein junger korsischer Feuerwehrmann auf dem Weg nach Propriano. Wir verfrachten unsere Rucksäcke in den Kofferraum des kleinen Autos und schon kann es losgehen. Wir sind überrascht wie weit es noch bis zum Col ist, aber durch den netten Plausch mit dem Korsen, sofern man das bei unseren französisch Kenntnissen überhaupt so nennen kann, vergeht die Zeit im Nu und wir erreichen gegen 8 Uhr unser Ziel, den Col de Bavella. Endlich ist es  soweit. Nach 2 Tagen der Anreise stehen wir nun endlich an unserem Ausgangspunkt des GR 20. Das Frühstück, das wir hier eigentlich nachholen wollten, ist erstmal vergessen und wir machen uns gleich auf den Weg. Zunächst durch Wald laufend halten wir die Augen nach einer gelben Markierung offen. Diese kennzeichnet die alpine Variante des GR 20, die im Gegensatz zum normalen Weg, welcher am Fuße der Bavella-Gruppe durch den Wald verläuft, mitten hindurch führt. Wir zweigen rechts vom Normalweg ab und beginnen mit dem steilen Aufstieg. Die beeindruckenden Felsformationen der Bavella-Gruppe rücken immer näher. Vorbei an imposanten Felstürmen geht es immer weiter nach oben. Es ist zu dieser Uhrzeit glücklicherweise noch nicht sehr heiß, dennoch kommen wir aufgrund der schweren Rucksäcke gut ins schwitzen.

Der erste Anstieg ist schliesslich geschafft. Zwischen den Felstürmen suchen wir uns ein schattiges Plätzchen und beginnen mit der Dezimierung unserer Essensvorräte. Die Sonne steht mittlerweile hoch am Himmel, über unseren Köpfen ein fantastisches Blau und dazu der herrliche Ausblick. Grandios.

Weitere längere Anstiege erwarten uns erst einmal nicht mehr. Stattdessen sind von nun an mehrere kleinere und größere Kletterstellen zu überwinden, die uns immer weiter in das Herz der Bavella-Gruppe bringen. Die schwierigsten Stellen sind mit Ketten gesichert, aber dank der schweren Rucksäcke eine nette Herausforderung. Leider viel zu schnell ist diese faszinierende Landschaft durchquert und wir erreichen den Abstieg, der uns durch sehr trockene Wälder hinab ins Tal führt. In zum Teil knöcheltiefem Staub geht es steil bergab, aber die Bäume spenden wohltuenden Schatten. Im Tal angekommen treffen wir wieder auf den Normalweg des GR 20 und folgen diesem  in flachem Gelände durch schönen Pinienwald in Richtung Norden.

Bevor am Ende des Tal der nächste Anstieg, vorbei an der Refuge d’Asinao zum Monte Incudine, auf uns wartet, sehnen wir jedoch eine ausgiebige Pause herbei. Zum Schutz vor der prallen Mittagssonne rollen wir im Schatten eines Baumes unsere Isomatten aus, verköstigen unsere selbst gemachten Müsliriegel und genehmigen uns ein kleines Mittagsschläfchen.

Auch am frühen Nachmittag sind die Temperaturen noch sehr hoch, aber dennoch, wir müssen weiter. Der Aufstieg zur Refuge führt über offenes Gelände, immer in der Nähe des Ruisseau d’Asinao, einem kleinen Flüsschen, das gemütlich ins Tal plätschert. Es ist heiß und die Gumpen am Flüsschen leider zu klein für ein Bad. Endlich an der Hütte angekommen halten wir uns gar nicht lange auf. Wir nutzen den Brunnen, um unsere Wasservorräte aufzufüllen, essen ein paar Bananenchips und brechen schon bald darauf wieder auf. Mehrere hundert Höhenmeter eines recht anspruchsvollen und steilen Aufstiegs warten auf uns. Unsere Wasservorräte leeren sich schnell. Doch auch dieser Auftieg ist schliesslich geschafft und nach knapp 2 Stunden erreichen wir den Gipfelgrat. Der Wind auf dem Grat verschafft uns Abkühlung. Selbst von hier ist der Ausblick bereits fantastisch. Der Blick in den Süden zeigt die Bavella-Gruppe, im Westen schweift der Blick über das Plateau  du Coscione bis an den Golf d’Ajaccio. Über den Grat ist der Gipfel nun schnell erreicht. Die ohnehin schon geniale Aussicht wird von hier aus noch durch den Ausblick nach Norden zur Paglia Orba und Monte Cinto bereichert. Sofort ist uns klar, dass wir die Nacht hier oben verbringen wollen. Ein Plätzchen für das Zelt ist schnell gefunden, auch die Wasservorräte reichen und so steht einem Gipfelbiwak nichts mehr im Wege.

Wir suchen uns den schönsten Aussichtspunkt und bereiten unser Abendessen zu.

Nachdem der Sonnenuntergang den Tag mit fantastisch kitschigen Farben beendet hat verkriechen wir uns zum Schutz vor dem Wind ins Zelt. Mit dem Kopf voller Eindrücke schlummern wir zufrieden ein und freuen uns auf den nächsten Tag.

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GR 20 – Prolog II

Savona – Bastia und ein Stück weiter…

Wir wachen gegen 6 Uhr auf. Genug Zeit um jetzt ein Café zu suchen und lecker zu frühstücken. Ein nettes Café ist schnell gefunden. Klein, urig und mit frühstückenden Nachbarn in Pyjamas. Hier bleiben wir. Für jeden ein Latte Macchiato und ein Canolli. Lecker! So könnte jeder Morgen beginnen. Beim bezahlen sind wir mal wieder völlig begeistert von den günstigen Preisen.

Jetzt wird es Zeit sich am Hafen in die Reihe wartender Autos einzureihen und auf die Fähre zu warten. Unser Auto, klein und schäbig, inmitten zig nagelneuer und auf Hochglanz polierter Verkaufswagen für die Autohäuser der Insel. Noch ist von der Fähre nichts zu sehen, also nutzen wir die Zeit und schlendern ein wenig im Hafen umher und schauen den kleinen und großen Schiffen beim rangieren zu.

Kurz nach Sonnenaufgang taucht die Fähre im Hafen auf. Von nun an dauert es eine kleine Ewigkeit bis sage und schreibe eine Handvoll Mitarbeiter der Corsica Ferries die zahllosen Neuwagen an Bord verfrachten. Einsteigen, rein fahren, raus laufen, einsteigen…

Kaum sind wir an Bord schnappen wir uns etwas Verpflegung und spurten an Deck. Dank der Neuwagen sind nur wenige Passagiere an Bord und wir können uns auf 2 Liegen, 2 Stühlen und einem Tisch ausbreiten. So lässt sich die Überfahrt entspannt geniessen. Na ja, ganz entspannt leider doch nicht, denn wir nähern uns der Insel mit ordentlich Verspätung. Unser Plan das Auto in Bastia an der Bushaltestelle stehen zu lassen und mit dem Bus nach Solenzara zu fahren gerät durch die Verzögerung in Bedrängnis. Mit einer Stunde Verspätung erreichen wir den Hafen. Es muss jetzt schnell gehen, denn in einer Stunde und zwanzig Minuten fährt der Bus. Der letzte des Tages.

Wir verlassen die Fähre. Die Strasse Bastia’s sind voller Autos und wir kommen nur schleppend voran. Zielstrebig fahren wir den erstbesten Supermarkt an, denn ganz wichtig, wir brauchen noch Spiritus. Hektisch laufen wir an den endlosen Regalen vorbei, nur um nach einer Viertelstunde feststellen zu müssen, dass es keinen Spiritus gibt. Raus, rein ins Auto und weiter. Der nächste Supermarkt, dasselbe Spiel. Kein Spiritus. Uns rennt die Zeit davon, aber wir versuchen es noch in einem dritten Supermarkt. Mit Erfolg. Erleichtert schnappen wir uns die vorletzte Flasche aus dem Regal und eilen, noch mit einem Sechserpack Wasser und Baguette bepackt zur Kasse.

Die Bushaltestelle ist nicht mehr weit und glücklicherweise findet sich direkt daneben ein schattiger Parkplatz. Die bequemen Sandalen werden noch durch Stiefel ersetzt und kaum stehen wir an der Haltestelle kommt der Bus angefahren. Was für ein Timing! Wir zahlen 30€  für 2 Personen inkl. Gepäck und suchen uns in dem vollen Bus noch 2 Plätze. Solenzara ist nach einer eineinhalbstündigen Fahrt erreicht.

Wir füllen die Wasserflaschen in unsere Trinkschläuche um, verstauen das Baguette am Rucksack und schwingen uns zum ersten Mal die nun endgültig bepackten Rucksäcke auf den Rücken. Was bei mir etwa 19kg sind, inkl. 3 Liter Wasser und der kompletten Verpflegung für 12 Tage. Mit dem tröstenden Gedanken, dass der Rucksack ja von nun an jeden Tag leichter wird, machen wir uns auf dem Weg.

Da wir, wie der aufmerksame Leser sicher mitbekommen hat, eigentlich mit dem Flugzeug anreisen wollten und dann exakt 13 Tage Zeit für den GR 20 gehabt hätten, haben wir uns bei der Planung dazu entschlossen die erste Etappe, von Conca zum Col de Bavella, zu überspringen und direkt am Col de Bavella einzusteigen. Theoretisch hätten wir nun, mit der gewonnenen Zeit auch diese Etappe laufen können, aber da unser Proviant auf diese Planung ausgerichtet war, blieben wir dabei. Laut Literatur sind es vom Col de Bavella noch etwa 14 Tage bis nach Calenzana. Wir wollen in 12 Tagen dort sein…so lange reicht unser Proviant.

Am Ortsausgang angekommen folgen wir der Strasse zum Col de Bavella und versuchen die restliche Strecke per Anhalter zurückzulegen. Eine geschlagene Stunde später ist gerade einmal ein Auto an uns vorbei gefahren. Mittlerweile ist es nach fünf Uhr und wir sind heilfroh, dass das zweite Auto anhält. Ein netter Mann aus Augsburg nimmt uns gerne mit. Er fährt jedoch nicht den ganzen Weg zum Col, sondern nur etwa ein Drittel des Weges zu einem Campingplatz. Wir erzählen ihm von unserem Vorhaben, worauf er uns vorschlägt die Weiterfahrt lieber erst morgen zu versuchen. Der Campingplatz zu dem er fahre sei wunderschön und direkt an einer herrlichen Badegumpe gelegen, zudem seien morgens deutlich mehr Auto auf dieser Strecke unterwegs.

Das Argument mit der Badegumpe überzeugt uns. Wir quartieren uns für eine Nacht auf dem wirklichen wunderschönen, naturbelassenen Campingplatz ein und nutzen die letzten Stunden des Tages für ein ausgiebiges Bad in der Gumpe.

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